Vollgas für den American Dream

Als die Anfrage für einen kompletten Werkzeugsatz zur Gehäusebearbeitung bei LMT Kieninger einging, mussten die Experten für Sonderwerkzeuge Vollgas geben: Angebotsabgabe innerhalb von drei Tagen, Lieferzeit für die Werkzeuge nach Auftragseingang: vier Wochen.

Sie sind ein Symbol für den amerikanischen Traum von Freiheit und Unabhängigkeit und eine der bekanntesten Marken weltweit: Motorräder eines US-amerikanischen Herstellers. Bevor sich die stolzen Besitzer in den Sattel schwingen können, ist jede Menge Detailarbeit gefragt, an der die Spezialisten von LMT Kieninger bereits länger beteiligt sind. In den Motorradwerken in den USA kommen Werkzeuge aus Lahr schon seit Jahren zum Einsatz. Diese Referenz wurde jetzt zum Türöffner für einen Auftrag eines Zulieferers, der ab sofort die Kurbelgehäuse einer neuen Baureihe fertigt. Insgesamt 25 Sonderwerkzeuge für komplexe Bohr- und Fräsarbeiten liefert Kieninger an das Unternehmen in Minnesota. Entscheidend für den Erfolg war vor allem die schnelle Reaktion des Kieninger-Teams, nachdem das Unternehmen den Vertrieb der LMT in den USA gebeten hatte, ein Angebot abzugeben.

„Unser Kunde hatte sich um einen Auftrag zur Fertigung der Kurbelgehäuse beworben. Diese waren bislang bei einem anderen Unternehmen produziert worden und sollten nun neu vergeben werden – zu geringeren Kosten, aber selbstverständlich in gleicher Qualität“, umreißt Scott Shippell, Vertriebsingenieur bei LMT USA, die Ausgangssituation. Das Zulieferunternehmen wiederum ist bereits länger Kunde von LMT-USA und setzt bereits unterschiedliche Werkzeuge von Onsrud, Fette und Bilz ein. „Außerdem war der Zulieferer mit der Betreuung durch einen Lieferanten für Sonderwerkzeuge nicht mehr 100-prozentig zufrieden, und gab uns eine Chance. Während wir also der Türöffner beim Zulieferer waren, war Kieninger durch seine Präsenz in den Werken des Motorradherstellers der Türöffner für das Gesamtprojekt“, lobt Shippell das gelungene Teamwork. Eine Besonderheit: Während die Motorräder eher für entspanntes Dahingleiten stehen, musste es bei dieser Ausschreibung schnell gehen.

Schnelle Angebotsabgabe

Eine Chance, die Kieninger zu nutzen wussten. „Normalerweise erwarten Kunden, dass wir ihnen im Zeitraum von ein bis zwei Wochen ein verbindliches Angebot machen”, beschreibt Thilo Nietzschmann, vom technischen Vertriebsinnendienst bei Kieninger, den Regelfall. „Wir hatten drei Arbeitstage.” Das Angebot umfasste schließlich 25 Sonderwerkzeuge. Inklusive der dazugehörigen Schneidplatten und Werkzeugaufnahmen waren insgesamt 62 Einzelpositionen zu kalkulieren. Dabei konnte Nietzschmann auf die langjährigen Erfahrungen von Kieninger aus dem Sonderwerkzeugbau für zahlreiche Kunden aus der Automobilbranche zurückgreifen. „Neben den technischen und wirtschaftlichen Faktoren spielt auch ein Gefühl für die Komplexität des Gesamtprojekts eine Rolle. Außerdem wussten wir, dass wir wegen des im Vergleich zum US-Dollar relativ starken Euro preislich mit Wettbewerbern aus den USA mithalten mussten.” Das Angebot überzeugte, der Zeitdruck blieb jedoch unverändert hoch.

Vier Wochen bis zur ersten Lieferung

Vorgabe des Motorradherstellers an den Zulieferer war es, die ersten Prototypen der Kurbelgehäuse innerhalb von sechs Wochen zu liefern. Das Kieninger-Werkzeugpaket sollte dabei die komplette Semi-Finish-Bearbeitung der beiden Aluminiumgehäusedeckel abdecken − vor allem Bohr- und Fräsoperationen. Ziel war es, die Bauteile mit möglichst wenigen Aufspannungen zu fertigen. Dadurch sinken die unproduktiven Nebenzeiten, gleichzeitig müssen aber viele unterschiedliche Bearbeitungsschritte integriert werden. „Um den engen Zeitplan einzuhalten, mussten Vertrieb, Konstruktion und Fertigung optimal zusammenarbeiten”, verdeutlicht Nietzschmann. Eine Herausforderung, die Sibylle Kolb, Leiterin der Fertigung, und Timo Pässler, Leiter Fertigung und Planung, mit ihren Teams gerne annahmen.

„Wir haben mit bis zu vier Konstrukteuren an dem Projekt gearbeitet. Drei Tage nach Auftragseingang lagen die ersten Werkzeugentwürfe beim Kunden vor. Parallel zur Überprüfung durch den Kunden haben wir weiter konstruiert, und die abgenommenen Entwürfe nach und nach in die Produktion gegeben”, beschreibt Kolb den Ablauf. Die Abstimmung mit dem Kunden in den USA lag in den Händen von Scott Shippell, der Änderungen kontinuierlich mit den Kollegen in Lahr abglich. Auch die Fertigung der einzelnen Werkzeuge erfolgte in einem kontinuierlichen Prozess. „Sobald das grundlegende Layout der Werkzeuge und die Bearbeitungsstrategie feststanden, konnten wir mit der Fertigung der Grundkörper beginnen. Dafür haben wir eine Art Baukastensystem entwickelt, bei dem aus den Halbzeugen sehr schnell die fertigen Werkzeuge produziert werden können”, verdeutlicht Pässler die Fertigungsstrategie. Resultat der gemeinsamen Anstrengungen: Nach nur vier Wochen konnte Kieninger den kompletten Werkzeugsatz übergeben, und bis auf zwei Werkzeuge liefen sämtliche Werkzeuge auf Anhieb reibungslos. Dementsprechend konnte der Zulieferer pünktlich nach sechs Wochen die ersten Prototypen abgeben. Die Qualität der Bauteile überzeugte. Zukünftig werden bis zu 100 Gehäuse täglich produziert.

Gesamtpaket und Service von LMT

Zum Gesamtpaket gehören darüber hinaus Bohr- und Fräswerkzeuge der LMT-Unternehmen Fette und Onsrud sowie Werkzeugaufnahmen von Bilz. Technische Highlights sind Sonderwerkzeuge für das Rückwärtsfräsen von Innenflächen. Dabei wird das Werkzeug durch die Bohrung in das Kurbelgehäuse hineingeführt. Die Innenflächen werden anschließend mit Schneiden auf der Rückseite des Werkzeugs bearbeitet, ohne dass das Bauteil gedreht oder neu aufgespannt werden muss. Eine weitere Besonderheit: Alle Werkzeuge sind mit Sonderschneiden bestückt, die ebenfalls bei Kieninger hergestellt werden. „Die speziell auf die einzelnen Bearbeitungsschritte abgestimmten Schneiden garantieren dem Kunden eine gleichbleibende Qualität”, erläutert Thilo Nietzschmann. „Ein weiteres Plus ist, dass die Kollegen von LMT USA die komplette Vor-Ort-Betreuung übernehmen. Dadurch sind kurze Reaktionszeiten bei Wartung und Service ebenso sichergestellt, wie die Versorgung mit Ersatzteilen.” Eine Leistung, die offenbar überzeugt, wie Scott Shippel unterstreicht: „Wir sprechen bereits darüber, welche Lösungen wir für die Feinbearbeitung der Gehäusedeckel anbieten können.”